Paul Wulf

 

Die Lebensgeschichte und gesellschaftspolitische Arbeit eines Münsteraner Antifaschisten

Öffentliche Plätze und Straßen werden oft nach historischen Persönlichkeiten benannt. Durch die Auswahl der so geehrten Personen demonstriert eine Stadt, wen und was sie als ehrwürdig ansieht.

In Münster war der größte Platz bis 2010 nach Paul von Hindenburg benannt, einem Militaristen, der als „Steigbügelhalter Hitlers“ gilt. Die Universität dieser Stadt trägt noch immer den Namen eines Antisemiten und Imperialisten, der den Ersten Weltkrieg mitverschuldete: Kaiser Wilhelm II. Etliche nach Nazis benannte Straßen wurden mittlerweile umbenannt, aber einige sind in der katholischen Provinzmetropole immer noch Militaristen und „Kriegshelden“ wie Manfred von Richthofen, Maximilian Graf von Spee und Otto Weddingen gewidmet.

Eine Straße, die an den Antimilitaristen Paul Wulf erinnert, suchte man dagegen lange vergebens. Dabei war Paul Wulf eine herausragende Persönlichkeit des Antifaschismus in Münster. Erst 2012 konnte der Freundeskreis Paul Wulf durchsetzen, dass der nach einem Nazi-Arzt und Eugeniker benannte Jöttenweg in Paul-Wulf-Weg umbenannt wurde.

Wer war Paul Wulf? 

Paul Wulf –  ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit

Der am 2. Mai 1921 geborene Paul Wulf verstand sich als Anarchist und Kommunist. Er war ein extrem humorvoller Mensch und leidenschaftlicher Blasphemiker, er liebte das revolutionäre Pathos und konnte sich über herrschaftskritische und antiklerikale Späße wie ein Kind freuen. Seine Waffe war das kritische und entlarvende Wort. Sein Ziel war ein libertärer Sozialismus, eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Paul Wulf verstarb am 3. Juli 1999 im Alter von 78 Jahren.

Paul Wulf – das Arbeiterkind

Paul Wulf wuchs mit seinen drei Geschwistern in proletarischen Verhältnissen auf. Sein Vater war in den Jahren 1921 bis 1928 im Ruhrbergbau in der Zeche Ernestine in der Kokerei beschäftigt, wo seine Gesundheit angegriffen wurde. Es war die Zeit zwischen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise (1923-1930), die Zeit der Weimarer Republik. So formulierte Paul Wulf: „Die Regierung Severing (SPD) tat [so], als ob sie die Interessen der Arbeiter vertreten würde, [sie] war schon damals – so möchte ich sagen – der Folterknecht der arbeitenden Bevölkerung.“

Zwangssterilisation

Angesichts ihrer materiellen Not gaben seine Eltern ihn 1928 schweren Herzens in die Obhut des katholischen St. Vincent-Heims in Cloppenburg.

1932 wurde er in die jugendpsychiatrische „Idiotenanstalt“ nach Marsberg verlegt. Hier lebten aufgrund fehlender Heimplätze gesunde und „kranke“ Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammen. Sie waren den Anstalts-„Ärzten“ und ihren „rassen-hygienischen Maßnahmen“ ausgesetzt.

1937 stellten Paul Wulfs Eltern einen Entlassungsantrag. Der Anstaltsleiter teilte ihnen mit, dass dem Antrag aufgrund von Pauls „angeborenen Schwachsinn ersten Grades“ nur in Verbindung mit der Sterilisation zugestimmt werden könne. Die Eltern stimmten der Zwangssterilisation zu, auch aus Angst um das Leben ihres Kindes.

Der 12. März 1938, der Tag, an dem Österreich dem Deutschen Reich „angeschlossen“ wurde, war der traumatischste Tag seines Lebens. An diesem Tag wurde Paul Wulf im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert. Noch keine 17 Jahre alt, wurde er Opfer des 1932 von der SPD im Reichstag eingebrachten und von den Nazis 1934 verabschiedeten „Erbgesundheitsgesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Dieser brutale Eingriff veränderte sein Leben und machte ihn zu einem unermüdlichen Antifaschisten.

Antifaschistischer Widerstand und Aufklärungsarbeit

Nach seiner Entlassung aus der Anstalt in Niedermarsberg arbeitete Paul Wulf während des Zweiten Weltkrieges gegen das Nazi-Regime. Er konspirierte mit Kriegsgefangenen, gab Informationen an sie weiter und verübte kleinere Sabotageaktionen.

Den Einmarsch der Alliierten erlebte er als Befreiung. Doch er musste schon bald sehen, dass viele der alten NS-Schreibtischtäter auch im „neuen Deutschland“ Schlüsselpositionen besetzten und gesellschaftliches Ansehen genossen, während er aufgrund seiner offen ausgesprochenen sozialrevolutionären Gedanken selbst in Zeiten der Vollbeschäftigung arbeitslos und arm war.

Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ kämpfte Paul Wulf beharrlich für politische Aufklärung und für eine Entschädigung.

1950 verkündete das Amtsgericht Hagen: „Der Antragsteller hat sich offenbar spät entwickelt und die Entwicklung ist für ihn günstig verlaufen, so daß die Diagnose ‚angeborener Schwachsinn’ nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.“ Das gleiche Gericht lehnte Paul Wulfs Schadensersatzanspruch zynisch ab: „Erfahrungsgemäß behaupten die Betroffenen, durch die Unfruchtbarmachung körperliche Schäden, die zur Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitsbehinderung geführt haben sollen, erlitten zu haben. Die Erfahrung des Wiederaufnahmegerichts lehrt, daß diese körperlichen Schäden durchweg simuliert werden.“

Erst 1979 gab ihm das Sozialgericht Münster Recht und verurteilte die Landesversicherungsanstalt zur Zahlung einer bescheidenen Erwerbsunfähigkeitsrente.

Durch seine juristische und politische Hartnäckigkeit wurde Paul Wulf zur Stimme der ca. 400.000 im nationalsozialistischen Deutschland zwangssterilisierten Menschen. Ohne sein öffentliches Engagement wäre wohl auch die 1981 vom Bund bewilligte einmalige Entschädigungszahlung in Höhe von 5.000 DM an die noch lebenden Zwangssterilisierten nicht zustande gekommen.

Wie kein anderer in Münster hat Paul Wulf faschistische Strukturen aufgedeckt und die Biografien von Menschen verfolgt, die im „Dritten Reich“ als NSDAP-Schreibtischtäter aktiv waren und dann nach dem Krieg eine reibungslose Karriere gemacht haben.

So machte er sich viele Feinde, weil er als Ergebnis seiner Recherchen zum Beispiel die Nazivergangenheit des Münsteraner Professors Dr. Otmar Freiherr von Verschuer dokumentierte und dessen NS-Schriften zugänglich machte. Verschuer war Leiter der „Zwillingsforschung“. Sein bekanntester Schüler war der KZ-Arzt Josef Mengele, der im KZ Auschwitz-Birkenau für Verschuers Forschung Menschen mit Krankheitserregern infizierte und die Proben an ihn sandte.

Ab 1951 war Verschuer Professor für Humangenetik und erster Lehrstuhlinhaber des neu gegründeten Institut für Humangenetik an der Westfälischen Wilhelms Universität (WWU) Münster, zeitweise auch Dekan der Medizinischen Fakultät. Bis zu seinem Tod am 8. August 1969 blieb er ein hoch angesehener Bürger seiner Stadt.

Paul Wulf recherchierte täglich in Staatsbibliotheken und diversen Archiven. Immer auf der Suche nach Material, das er für seine zahlreichen antifaschistischen Ausstellungen nutzen konnte. Die Themen seiner heute teilweise in der Bildungsstätte Villa ten Hompel zugänglich gemachten Schautafeln sind, neben Euthanasie, auch die Situation der Frauen, der Jugendlichen und der Sinti und Roma im NS-Staat.

Bei der Zusammenstellung seiner Ausstellungen verstand er es – inspiriert durch die Arbeiten des Dadaisten John Heartfield und des libertären Antimilitaristen Ernst Friedrich –, in Collagenform Zusammenhänge zu verdeutlichen. Nicht viele Menschen haben sich so intensiv mit den Themen Euthanasie und Zwangssterilisation beschäftigt wie Paul Wulf.

Er war Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und engagierte sich zeitweise in der ab 1956 verbotenen KPD. Doch die Kaderkommunisten waren ihm, dem lebensfrohen Freidenker und Anarchisten, bald zu hierarchisch, zu „revisionistisch“, zu autoritär, zu stalinistisch. Er blieb ein undogmatischer, linker Einzelkämpfer. Kaum eine Hausbesetzung, kaum ein alternatives Straßenfest, kaum eine Anti-Atom-, Anti-Kriegs- oder Antifa-Demonstration, an der er nicht teilnahm. Noch kurz vor seinem Tod engagierte er sich gegen den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien.

Regelmäßig besuchte er das Umweltzentrum in der Scharnhorststraße, um zu diskutieren, im Umweltzentrum-Archiv zu stöbern und alternative Zeitungen zu lesen.

Egal wo man ihn gerade traf, aus seiner legendären Aktentasche zauberte er immer wieder seine neuesten Funde, spannende Bücher oder Kopien, die er bei seinen Touren durch die Archive und Buchläden entdeckt hatte.

Das Bundesverdienstkreuz für einen Anarchisten

Anfang der 1990er Jahre setzten sich der damalige ESG-Pfarrer Werner Lindemann und andere Demokratinnen und Demokraten, die Paul Wulf nahe standen, dafür ein, dass er das Bundesverdienstkreuz bekommen solle. 1991 war es soweit: Der Sozialrevolutionär und Staatskritiker Paul Wulf erhielt für seine antifaschistische Bildungsarbeit das Bundesverdienstkreuz.

Die Verleihung war für ihn eine zwiespältige Sache. Er hatte überlegt, den Orden abzulehnen, weil er meinte, dass „so viele schlechte Menschen, so viele Nazis diese Auszeichnung gekriegt“ haben.

Paul Wulf hat seine Ideale nie verraten. Er war ein Menschenfreund, ein liebenswerter Hand- und Kopfarbeiter mit Herz, ein schwieriger, bisweilen chaotischer, aber wunderbarer Mensch. Bis zu seinem Tod war er ungebrochen, sehr lebendig und kämpferisch.

Seitdem trifft sich der Freundeskreis Paul Wulf, führt Gedächtnisveranstaltungen durch und produziert Publikationen. Intention der Gruppe ist es, Paul Wulfs Nachlass aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im April 2007 hat der Freundeskreis das Buch „Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand“ herausgegeben. Nun engagiert er sich für eine Umbenennung des Münsteraner „Jöttenwegs“ in „Paul Wulf Weg“.

Der Jöttenweg ist benannt nach einem NS-Rasseforscher, der nach 1945 unbehelligt an der Uni Münster weiterarbeiten konnte. Karl Wilhelm Jötten war von 1924 bis zu seinem Tod 1958 Direktor des Münsteraner Instituts für Hygiene. Seine wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet der Gewerbehygiene haben ihm hohe Ehrungen eingebracht. Er bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen. Die Deutsche Akademie der Naturforscher zeichnete ihn mit der Cothenius-Medaille aus. Bis vor kurzem genoss Karl Wilhelm Jötten in Münster einen guten Ruf. „Dass er der eugenischen und rassenhygienischen Forschung an der Universität Münster bis 1945 wie kaum ein anderer Vorschub leistete, wird mithin gerne übersehen“, schreibt Jan Nikolas Dicke in seiner Examensarbeit (Weißensee-Verlag 2004). Dickes Dissertation belegt, dass Jötten menschenunwürdige Praktiken mit seiner akademischen Autorität legitimierte.

Die Chancen für eine Umbenennung des „Jötten-Wegs“ in „Paul Wulf Weg“ stehen gut, auch weil im Mai 2007 die Frankfurter Rundschau und die Münsteraner Presse über den Fall Jötten berichtet hatte.

Das von der Künstlerin Silke Wagner in Zusammenarbeit mit dem Münsteraner "Umweltzentrum-Archiv-Verein" konzipierte Paul-Wulf-Denkmal, das während der „Skulptur Projekte 07“ noch bis Ende September 2007 in Münster zu sehen sein wird, könnte zudem die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Leben des zwangssterilisierten Paul Wulf lenken.

Bernd Drücke
 

Weitere Informationen zu Paul Wulf

Buch:

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2007, 208 Seiten, ISBN 978-3-939045-05-2, 15 Euro

Neben Paul Wulf steht sein Freund Paul Brune (geb. 1935) im Zentrum dieses Buches:

Paul Brune wurde als „gemeingefährlicher, debiler Psychopath“ von 1943 bis 1957 zwangspsychiatrisiert. Er war der Gewalt von Anstaltsleitern, Ärzten und Ordensschwestern ausgeliefert. Mit Petitionen an den Landtag NRW kämpfte er um seine Rehabilitation. 2003, nach 60 Jahren, wurde er als eines der ersten Opfer der NS-Psychiatrie anerkannt.

„Bis in die 1970er Jahre hinein setzten sich in den Psychiatrien und Heimen die menschenunwürdigen Zustände der NS-Zeit fast ungebrochen fort, während die Täter als Ärzte oder Gutachter schnell neue Karrieren machen konnten.“

Dieses Buch spannt den Bogen von der NS-Ideologie „lebensunwerter“ Existenz bis hin zu ihrer aktuellen Renaissance in den Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe. Es basiert auf den Berichten der Betroffenen und zeichnet die Entwicklung der deutschen Psychiatrie vom „Dritten Reich“ bis in die 70er Jahre nach. Dokumentiert werden die langen, oft durch die früheren Täterinnen und Täter behinderten Kämpfe um Entschädigung, sowie die beeindruckenden, durch autodidaktisches Lernen erworbenen Kenntnisse von Paul Wulf und Paul Brune im Bereich der Archiv- und Dokumentationsarbeit.

„Heimkinder, Psychiatrisierte und Zwangssterilisierte wurden von den Nazis als ‚lebensunwert’ stigmatisiert. Die gegen sie gerichtete Gewalt und ihre Bemühungen um Entschädigung rücken noch viel zu selten ins Blickfeld, wenn von Erinnerungspolitik für Opfer des Nationalsozialismus gesprochen wird.“

Weitere Informationen zum Buch: http://www.graswurzel.net/verlag/lebensunwert.shtml

http://www.graswurzel.net/320/wulf2.shtml

http://www.psychiatrie.de/psychiatriegeschichte/buecher/article/wulff_ns_psychiatrie.html

 

Broschüre:

Paul Wulf, ein Antifaschist und Freidenker. Beiträge von Paul Wulf, Robert Krieg, Anke Bruns, Klaus Dillmann, Bernd Drücke u.a., Redaktion Graswurzelrevolution, Münster 1999, 52 DIN A4-Seiten (vergriffen)

Film:

Robert Krieg, Dagmar Wünneberg, Paul Wulf: Die nicht vorhersehbare Spätentwicklung des Paul W. Ein Film über die Folgen von Rassegesetzen und Zwangssterilisierungen im 3. Reich, BRD 1979, Videofilm halbzoll s/w, Länge ca. 45 Min.

Dauerausstellung:

Im Rahmen einer Dauerausstellung zur Rolle der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus ist Paul Wulf ein Ausstellungsraum gewidmet. Ort: Villa ten Hompel, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, 48127 Münster. Öffnungszeiten: Di. - Fr. 10-16 Uhr, So. 14-18 Uhr. Infos: 0251/4927048

CD-Rom/Radiosendungen:

Zwei Radiosendungen des Bürgerfunks Münster auf CD: News Magazin: Bernd Drücke über Paul Wulf, gesendet am 11.07.1999, Moderation: Klaus Blödow; Paul Wulf – Portrait und Nachruf, gesendet am 31.07.1999, Antje Schmidt-Schleicher im Gespräch mit Volker Pade, Walter Schopp, Norbert Eilinghoff, Andreas Balke und Willi Quiel. Preis: 5 Euro, bei News Magazin, c/o Medienforum, Verspoel 7-8, 48143 Münster

Artikel über Paul Wulf (online):

Bernd Drücke: Erinnerung an einen Freund, in: Graswurzelrevolution Nr. 243, November 1999, http://www.paul-wulf.net/Druecke-1999.htm

Norbert Eilinghoff: Gedächtnisveranstaltung für Paul Wulf, in: Graswurzelrevolution Nr. 245, Januar 2000, http://www.graswurzel.net/245/wulf.shtml

Volker Pade: Paul Wulf – ein unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit, in: Schwarzer Faden Nr. 71, Mai 2000, http://www.paul-wulf.net/Nachruf.htm

Robert Krieg: „Ich lehre Euch: Gedächtnis!“ Eugenik, Zwangssterilisierungen im 3. Reich und die aktuelle Gentechnik-Debatte, in: Graswurzelrevolution Nr. 261, September 2001, http://www.graswurzel.net/261/wulf.shtml